Lagerkennzahlen

Lagerkennzahlen: Formeln, Beispiele und was sie wirklich aussagen

Abstrakte Grafik: drei Messanzeigen und ein Balkendiagramm als Kennzahlen-Übersicht fürs Lager

Lagerkennzahlen verdichten Bestand, Verbrauch, Kosten und Lieferfähigkeit eines Lagers zu wenigen Zahlen. Die wichtigsten sind Lagerumschlagshäufigkeit, Lagerdauer, Reichweite, durchschnittlicher Lagerbestand, Lagerkostensatz und Lieferbereitschaftsgrad. Aussagekräftig werden sie erst zusammen und je Artikelklasse gerechnet.

Diese Seite ist die Übersicht zum Thema. Sie ordnet die Kennzahlen in 5 Gruppen, nennt zu jeder die Formel und rechnet alle an einem einzigen Beispielbetrieb durch, damit die Ergebnisse zueinander passen. Danach geht es um die Frage, die in den meisten Formelsammlungen fehlt: welche Kennzahlen sich gegenseitig beeinflussen und wo eine gute Zahl ein schlechtes Lager verdeckt. Am Ende stehen 3 Übungsaufgaben mit Lösungsweg. Zu mehreren Kennzahlen gibt es eine eigene, ausführliche Seite, die jeweils verlinkt ist.

Was sind Lagerkennzahlen?

Lagerkennzahlen sind Verhältniszahlen und absolute Größen, die beschreiben, wie viel Bestand ein Lager hält, wie schnell er sich erneuert, was er kostet und wie zuverlässig er den Bedarf deckt. Sie machen Lager über Zeiträume, Standorte und Artikelgruppen vergleichbar.

Eine einzelne Kennzahl beantwortet immer nur eine Frage. Die Umschlagshäufigkeit sagt, wie schnell Ware durchläuft, aber nicht, ob sie rechtzeitig da war. Der Lieferbereitschaftsgrad sagt, ob sie da war, aber nicht, was das gekostet hat. Deshalb arbeite ich mit Gruppen, die jeweils eine andere Seite des Lagers zeigen:

Die letzte Gruppe wird am häufigsten weggelassen und ist die Voraussetzung für alle anderen. Wenn der Bestand im System nicht mit dem Bestand im Regal übereinstimmt, sind Umschlag, Reichweite und Kapitalbindung auf einer falschen Grundlage gerechnet.

Nicht Teil dieser Seite sind die Leistungskennzahlen des Lagerbetriebs, also Pickleistung je Stunde, Durchlaufzeit eines Auftrags oder Kommissionierfehlerquote. Sie beschreiben die Arbeit im Lager, nicht den Bestand, und gehören in die Intralogistik. Hier geht es um die Zahlen, die zeigen, wie viel Kapital im Lager liegt und ob es richtig bemessen ist.

Welche Formeln gehören zu den Lagerkennzahlen?

Die folgenden 11 Formeln decken die 5 Gruppen ab. Alle Wertgrößen werden zu Einstandspreisen gerechnet, alle Zeitgrößen in Kalendertagen, sofern nicht ausdrücklich Arbeitstage genannt sind.

Formelsammlung

durchschnittlicher Lagerbestand = (Anfangsbestand + 12 Monatsendbestände) ÷ 13

Lagerumschlagshäufigkeit = Wareneinsatz pro Jahr ÷ durchschnittlicher Lagerbestand

durchschnittliche Lagerdauer = 365 ÷ Lagerumschlagshäufigkeit

Reichweite = aktueller Bestand ÷ geplanter Verbrauch pro Tag

Meldebestand = Tagesbedarf × Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand

bestandsabhängige Lagerhaltungskosten = durchschnittlicher Lagerbestand × Lagerkostensatz

Kapitalbindungskosten = durchschnittlicher Lagerbestand × Kapitalkostensatz

Lagerzinssatz = Kapitalkostensatz × Lagerdauer ÷ 360

Lieferbereitschaftsgrad = sofort gelieferte Positionen ÷ angeforderte Positionen × 100

Bestandsgenauigkeit = gezählte Positionen ohne Abweichung ÷ gezählte Positionen × 100

Ladenhüteranteil = Bestandswert ohne Abgang in 12 Monaten ÷ gesamter Bestandswert × 100

2 Hinweise vorab, weil sie jede der Formeln betreffen. Bewertung: Wareneinsatz und Bestand müssen dieselbe Bewertung haben. Wer Umsatz zu Verkaufspreisen durch einen Bestand zu Einstandspreisen teilt, misst zu einem Teil die eigene Handelsspanne. Tage: Ob mit 360 oder 365 Tagen gerechnet wird, ist eine Konvention. Die Bilanzanalyse nimmt meist 365, die kaufmännische Zinsrechnung 360. Auf dieser Seite gilt 365 für Lagerdauer und Reichweite und 360 für den Lagerzinssatz, weil er aus der Zinsrechnung stammt.

Bei manchen Kennzahlen sind abweichende Definitionen im Umlauf. Der Lieferbereitschaftsgrad lässt sich nach Positionen, nach Menge oder nach vollständig gelieferten Aufträgen rechnen, und alle 3 Varianten sind korrekt. Entscheidend ist, dass eine Kennzahl immer mit ihrer Definition weitergegeben wird. Eine Zahl ohne Definition lässt sich nicht vergleichen.

Welche Bestandskennzahlen gibt es?

4 Bestandsgrößen reichen, um ein Lager zu beschreiben: der durchschnittliche Lagerbestand als Ist-Wert und Sicherheitsbestand, Meldebestand und Höchstbestand als Steuergrößen. Die erste misst, was war, die anderen 3 legen fest, was sein soll.

Durchschnittlicher Lagerbestand

Der durchschnittliche Lagerbestand ist der Nenner fast aller Zeit- und Kostenkennzahlen. Er entscheidet deshalb über Umschlag, Lagerdauer und Kapitalbindung gleichzeitig. Gerechnet wird er aus Stichtagsbeständen, und die Zahl der Stichtage verändert das Ergebnis erheblich: Aus Anfangs- und Endbestand allein ergibt sich bei saisonalem Geschäft ein anderer Wert als aus 12 Monatsendbeständen. Welche Verfahren es gibt, wie groß der Unterschied werden kann und wie sich der gemessene gegen den rechnerisch richtigen Bestand prüfen lässt, steht unter durchschnittlicher Lagerbestand.

Sicherheitsbestand

Der Sicherheitsbestand ist die Reserve für Schwankungen im Verbrauch und in der Wiederbeschaffungszeit. Er soll im Normalfall nicht angegriffen werden und bestimmt über den Servicegrad, wie oft ein Artikel trotzdem ausgeht. Als Kennzahl interessant ist vor allem sein Anteil am durchschnittlichen Bestand: Ist dieser Anteil hoch, liegt ein großer Teil des Kapitals in einer Reserve, die ihre Berechtigung aus der Schwankung bezieht. Wie er berechnet wird, steht unter Sicherheitsbestand berechnen.

Meldebestand

Der Meldebestand ist die Bestandshöhe, bei der eine Bestellung ausgelöst wird. Er deckt den Verbrauch während der Wiederbeschaffungszeit und enthält den Sicherheitsbestand. Wer den Meldebestand zu hoch ansetzt, bestellt zu früh und erhöht den Durchschnittsbestand, ohne die Lieferfähigkeit spürbar zu verbessern. Formel, Datenquellen und Pflege im System stehen unter Meldebestand berechnen.

Höchstbestand

Der Höchstbestand ist die Obergrenze, die ein Artikel nicht überschreiten soll. Im Bestellpunktverfahren mit fester Bestellmenge ergibt er sich rechnerisch als Sicherheitsbestand plus Bestellmenge, weil das der Bestand im Moment des Wareneingangs ist, wenn der Sicherheitsbestand gerade erreicht war. Beim (s,S)-Verfahren ist er selbst die Steuergröße S, auf die jede Bestellung auffüllt. Die Einordnung beider Varianten steht unter Bestellpunktverfahren.

Als Kennzahl ist der Höchstbestand nützlicher, als er aussieht. Artikel, deren tatsächlicher Bestand regelmäßig über dem rechnerischen Höchstbestand liegt, sind entweder falsch parametriert oder werden außerhalb der Regel bestellt. Beides lässt sich mit einer einzigen Abfrage finden.

Was ist der Unterschied zwischen Lagerdauer und Reichweite?

Die Lagerdauer blickt zurück und beschreibt, wie lange Ware im Durchschnitt eines vergangenen Jahres im Lager lag. Die Reichweite blickt nach vorn und beschreibt, wie lange der heutige Bestand beim geplanten Verbrauch noch reicht. Beide werden in Tagen angegeben und oft verwechselt.

Lagerumschlagshäufigkeit

Die Lagerumschlagshäufigkeit gibt an, wie oft sich der durchschnittliche Bestand in einem Jahr rechnerisch erneuert. Sie ist die bekannteste Lagerkennzahl und die am häufigsten falsch gedeutete, weil ein Gesamtwert für das ganze Lager die Unterschiede zwischen schnell und langsam drehenden Artikeln vollständig verdeckt. Beide Formeln, die Zerlegung nach Artikelklassen und die englische Entsprechung Days Inventory Outstanding stehen unter Lagerumschlagshäufigkeit.

Lagerdauer

Die Lagerdauer ist dieselbe Information wie der Umschlag, nur in Tagen ausgedrückt: 365 geteilt durch die Umschlagshäufigkeit. Bei 5 Umschlägen sind das 73 Tage. Weil sie aus Jahresgrößen gebildet wird, ist sie ein Durchschnitt über 12 Monate und reagiert langsam. Für die Bilanzanalyse und den Vergleich mit Zahlungszielen ist das richtig, für die Steuerung des nächsten Monats nicht.

Reichweite

Die Reichweite setzt den Bestand an einem bestimmten Tag ins Verhältnis zum erwarteten Verbrauch der kommenden Wochen. Sie beantwortet die Frage, die in der Disposition jeden Morgen gestellt wird: Wie lange kommen wir mit dem aus, was da ist? Je Artikel gerechnet, ist sie die direkteste Kennzahl für drohende Fehlmengen, denn eine Reichweite unterhalb der Wiederbeschaffungszeit bedeutet, dass eine Bestellung, die heute ausgelöst wird, zu spät kommt.

Formel

Reichweite in Tagen = aktueller Bestand ÷ geplanter Verbrauch pro Tag

Der geplante Verbrauch stammt aus der Prognose oder aus bekannten Aufträgen, nicht aus dem Vorjahresdurchschnitt. Wer den Vorjahresdurchschnitt nimmt, rechnet eine rückwärts gerichtete Lagerdauer und nennt sie Reichweite.

Der Unterschied wird am deutlichsten bei saisonalem Geschäft. Am Jahresende kann ein Lager mit einer Lagerdauer von 73 Tagen eine Reichweite von 56 Tagen haben, weil der Bestand zum Jahreswechsel niedrig und der Verbrauch im ersten Quartal hoch ist. Beide Zahlen stimmen, sie beantworten nur verschiedene Fragen. Im Beispielbetrieb weiter unten ist genau das durchgerechnet.

In Arbeitstagen oder in Kalendertagen: Für die Reichweite eines einzelnen Artikels sind Arbeitstage meist die bessere Einheit, weil Wiederbeschaffungszeiten von Lieferanten in der Regel in Arbeitstagen zugesagt werden. Wichtig ist nur, dass Reichweite und Wiederbeschaffungszeit dieselbe Einheit haben, sonst entsteht ein Fehler von rund 40 Prozent, der sich wie eine Sicherheitsreserve anfühlt und keine ist.

Welche Kennzahlen zeigen, was der Bestand kostet?

4 Kennzahlen übersetzen Bestand in Euro: die Lagerhaltungskosten als Jahresbetrag, der Lagerkostensatz als Prozentsatz auf den Bestandswert, die Kapitalbindungskosten als Zinsanteil daran und der Lagerzinssatz als Zinsbelastung bezogen auf die Lagerdauer.

Lagerhaltungskosten und Lagerkosten

Lagerkosten sind alle Kosten, die durch das Vorhalten und Bewegen von Beständen entstehen: Miete, Personal, Technik, Energie, Versicherung, Schwund und Wertverlust. Lagerhaltungskosten umfassen in den meisten Quellen zusätzlich die Kosten des gebundenen Kapitals. Die Unterscheidung ist wichtig, weil bei sinkendem Bestand nur ein Teil davon entfällt. Die Miete für eine Halle sinkt nicht, wenn ein Regal leerer wird. Wie sich die Kosten erfassen und in fixe und bestandsabhängige Anteile trennen lassen, steht unter Lagerkosten berechnen.

Lagerkostensatz

Der Lagerkostensatz drückt die bestandsabhängigen Lagerhaltungskosten als Prozentsatz des durchschnittlichen Bestandswerts aus. Er ist die Größe, mit der jede Bestellmengenrechnung arbeitet, und damit die folgenreichste Kostenkennzahl im Lager. Auf dieser Website wird mit 15,7 Prozent gerechnet, zusammengesetzt aus einem Kapitalkostensatz von 5,65 Prozent und rund 10 Prozent übrigen Lagerhaltungskosten. Woher jede dieser Zahlen kommt, steht unter Lagerkostensatz berechnen.

Kapitalbindung und Kapitalbindungskosten

Die Kapitalbindung ist der Betrag, der im Bestand steckt und nicht anderweitig verfügbar ist. Die Kapitalbindungskosten sind der Zins, den dieses Kapital kostet, gerechnet mit dem Kapitalkostensatz aus Eigen- und Fremdkapital. Es ist der einzige Teil der Lagerhaltungskosten, der vollständig mit dem Bestand sinkt. Wie sich die Bindung über mehrere Phasen eines Auftrags berechnen lässt, steht unter Kapitalbindung berechnen.

Lagerzinssatz

Der Lagerzinssatz ist der Zins, der auf den Wareneinsatz entfällt, weil die Ware eine bestimmte Zeit im Lager liegt. Er entsteht, indem der Jahreszinssatz auf die Lagerdauer umgerechnet wird. Angewendet auf den Wareneinsatz ergibt er denselben Betrag wie die Kapitalbindungskosten, nur auf anderem Weg. Das ist eine nützliche Rechenkontrolle, die im Beispielbetrieb unten vorgeführt wird.

Welche Kennzahlen zeigen Lieferfähigkeit und Datenqualität?

Der Lieferbereitschaftsgrad zeigt, ob der Bestand seinen Zweck erfüllt. Bestandsgenauigkeit, Ladenhüteranteil und Stellplatzauslastung zeigen, ob die übrigen Kennzahlen auf einer verlässlichen Grundlage stehen und wo Bestand liegt, der keinen Zweck mehr erfüllt.

Lieferbereitschaftsgrad und Servicegrad

Der Lieferbereitschaftsgrad misst im Nachhinein, welcher Anteil der Anforderungen sofort aus dem Bestand bedient wurde. Der Servicegrad ist die Zielgröße, mit der der Sicherheitsbestand im Voraus berechnet wird. Beide werden oft gleichgesetzt, sind aber Ist und Soll. Liegt der gemessene Lieferbereitschaftsgrad dauerhaft unter dem geplanten Servicegrad, stimmt entweder die Berechnung des Sicherheitsbestands nicht oder die Daten, die in sie eingehen. Die Varianten Alpha und Beta und der Weg vom Servicegrad zum Sicherheitsfaktor stehen unter Sicherheitsbestand berechnen.

Bestandsgenauigkeit

Die Bestandsgenauigkeit ist der Anteil der gezählten Lagerpositionen, bei denen der Systembestand mit dem tatsächlichen Bestand übereinstimmt. Sie wird bei der Inventur oder bei Stichprobenzählungen ermittelt. Gezählt wird je Position, nicht je Euro, weil sich Abweichungen in Euro gegenseitig aufheben können: Ein Plus bei einem Artikel und ein gleich großes Minus bei einem anderen ergeben in Summe null Abweichung und 2 falsche Bestände.

Für die Steuerung ist diese Kennzahl wichtiger als ihr Ruf. Ein Meldebestand, der auf einen falschen Systembestand trifft, löst die Bestellung zu früh oder zu spät aus, egal wie sorgfältig er berechnet wurde.

Ladenhüteranteil

Der Ladenhüteranteil ist der Anteil des Bestandswerts, der in Artikeln ohne Abgang in einem festgelegten Zeitraum liegt, meist 12 Monate. Er ist die direkteste Kennzahl für Kapital, das weder Umsatz noch Lieferfähigkeit bringt. In der ABC-Analyse taucht dieser Bestand nicht auf, weil Artikel ohne Verbrauch keinen Verbrauchswert haben. Deshalb braucht er eine eigene Liste.

Stellplatzauslastung

Die Stellplatzauslastung ist der Anteil belegter Lagerplätze an allen verfügbaren. Sie ist keine Bestandskennzahl im engeren Sinn, zeigt aber, wann der Bestand an physische Grenzen stößt. Eine dauerhaft sehr hohe Auslastung kostet Zeit beim Einlagern und Suchen, eine niedrige deutet auf Fläche hin, die bezahlt und nicht genutzt wird. In Verbindung mit den Lagerkosten ergeben sich daraus die Kosten je Stellplatz.

Lagerkennzahlen an einem Beispiel berechnen

Ein erfundener Beispielbetrieb mit 1.440.000 Euro durchschnittlichem Bestand und 7.200.000 Euro Wareneinsatz. Es sind dieselben Zahlen wie auf den Seiten zur Lagerumschlagshäufigkeit, zum Cash Conversion Cycle und zum Working Capital, damit sich die Ergebnisse vergleichen lassen.

Beispiel: Eingangswerte

durchschnittlicher Lagerbestand: 1.440.000 Euro
(aus Anfangsbestand und 12 Monatsendbeständen)
Wareneinsatz im Jahr: 7.200.000 Euro
Bestand am 31.12.: 1.000.000 Euro
geplanter Wareneinsatz Januar bis März: 1.620.000 Euro in 90 Tagen
Lagerkostensatz: 15,7 %
Kapitalkostensatz: 5,65 %
angeforderte Positionen im Jahr: 5.000, davon sofort geliefert: 4.750
Stichprobenzählung: 400 Positionen, davon ohne Abweichung: 372
Bestandswert ohne Abgang seit 12 Monaten: 115.200 Euro
Stellplätze: 2.000, davon belegt: 1.700

Beispiel: Zeitkennzahlen

Umschlag = 7.200.000 ÷ 1.440.000 = 5,0
Lagerdauer = 365 ÷ 5 = 73 Tage
Verbrauch pro Tag im 1. Quartal = 1.620.000 ÷ 90 = 18.000 Euro
Reichweite am 31.12. = 1.000.000 ÷ 18.000 ≈ 56 Tage

Lagerdauer 73 Tage, Reichweite 56 Tage. Kein Widerspruch: Die Lagerdauer beschreibt das vergangene Jahr, die Reichweite den Bestand am letzten Tag dieses Jahres gegen den Verbrauch des nächsten Quartals.

Beispiel: Kostenkennzahlen

bestandsabhängige Lagerhaltungskosten = 1.440.000 × 15,7 % = 226.080 Euro
Kapitalbindungskosten = 1.440.000 × 5,65 % = 81.360 Euro
Lagerdauer mit 360 Tagen = 360 ÷ 5 = 72 Tage
Lagerzinssatz = 5,65 % × 72 ÷ 360 = 1,13 %
Kontrolle: 7.200.000 × 1,13 % = 81.360 Euro

Die Kontrolle führt über den Wareneinsatz zum selben Betrag wie die Rechnung über den Bestand. Stimmen beide Wege nicht überein, ist in einer der Größen ein Bewertungsfehler.

Beispiel: Service und Qualität

Lieferbereitschaftsgrad = 4.750 ÷ 5.000 × 100 = 95,0 %
Bestandsgenauigkeit = 372 ÷ 400 × 100 = 93,0 %
Ladenhüteranteil = 115.200 ÷ 1.440.000 × 100 = 8,0 %
Stellplatzauslastung = 1.700 ÷ 2.000 × 100 = 85,0 %

Was die Zahlen zusammen sagen. Einzeln betrachtet sieht keine davon alarmierend aus. Zusammen ergeben sie ein anderes Bild: 8 Prozent des Bestands, also 115.200 Euro, liegen seit einem Jahr unbewegt, und bei einem Lagerkostensatz von 15,7 Prozent kosten sie rund 18.086 Euro im Jahr, ohne etwas zur Lieferfähigkeit beizutragen. Gleichzeitig stimmt bei 7 Prozent der gezählten Positionen der Systembestand nicht, sodass ein Teil der 250 nicht sofort gelieferten Positionen auf falsche Bestände zurückgehen kann statt auf zu knappe Sicherheitsbestände. Das lässt sich nur prüfen, indem die Fehlmengen mit den Zähldifferenzen abgeglichen werden.

Der Umschlag von 5 ist in diesem Bild die am wenigsten aussagekräftige Zahl. Er ist ein Durchschnitt über schnelle und langsame Artikel, über Ladenhüter und A-Teile. Wie sich derselbe Gesamtwert auf Artikelklassen verteilt, ist unter Lagerumschlagshäufigkeit durchgerechnet.

Diese Kennzahlen für Ihr Lager, je Artikel gerechnet. In einer Bestandsanalyse werte ich Ihre Bestands- und Bewegungsdaten aus, prüfe ihre Belastbarkeit und leite daraus Sicherheitsbestand, Meldebestand und Bestellpolitik je Artikel her, jeweils mit der Rechnung dahinter.

Wie hängen die Lagerkennzahlen zusammen?

Die meisten Lagerkennzahlen stehen in einem Zielkonflikt. Ein höherer Umschlag bedeutet weniger Bestand und weniger Kapitalbindung, aber bei unveränderter Schwankung auch einen niedrigeren Lieferbereitschaftsgrad. Wer eine Kennzahl allein optimiert, verschiebt das Problem in eine andere.

Der wichtigste Zusammenhang läuft über den Sicherheitsbestand. Er ist der Teil des Bestands, der die Lieferfähigkeit absichert, und er wächst nicht linear mit dem Servicegrad. Der Schritt von 95 auf 99 Prozent kostet deutlich mehr Bestand als der Schritt von 90 auf 95 Prozent. Ein pauschales Ziel wie ein höherer Umschlag für das ganze Lager trifft deshalb vor allem den Sicherheitsbestand und damit die Lieferfähigkeit, während der Teil des Bestands, der ohne Zweck im Lager liegt, oft unberührt bleibt.

Zielkonflikt 1

Umschlag gegen Lieferbereitschaft

Weniger Bestand bei gleicher Nachfrageschwankung heißt mehr Fehlmengen. Der Ausweg liegt darin, die Schwankung zu senken, etwa über kürzere und verlässlichere Wiederbeschaffungszeiten. Dann sinkt der Sicherheitsbestand, ohne dass der Servicegrad leidet.

Zielkonflikt 2

Bestellmenge gegen Bestellkosten

Kleinere Bestellmengen senken den Durchschnittsbestand, weil er rechnerisch bei Sicherheitsbestand plus halber Bestellmenge liegt. Sie erhöhen aber die Zahl der Bestellungen. Wo das Optimum liegt, rechnet die optimale Bestellmenge aus Bestellkosten und Lagerkostensatz.

Die Kennzahlen bilden eine Kette. Der durchschnittliche Lagerbestand bestimmt Umschlag und Lagerdauer. Die Lagerdauer bestimmt, zusammen mit Forderungslaufzeit und Lieferantenziel, den Cash Conversion Cycle. Der Bestand multipliziert mit dem Lagerkostensatz ergibt die bestandsabhängigen Lagerhaltungskosten, und der Bestand selbst ist der größte steuerbare Posten im Working Capital. Eine Veränderung am Anfang der Kette wirkt sich deshalb bis in die Bilanz aus.

Für die Steuerung folgt daraus eine einfache Regel: Keine Kennzahl ohne ihr Gegenstück berichten. Umschlag nur zusammen mit dem Lieferbereitschaftsgrad, Lagerhaltungskosten nur zusammen mit den Fehlmengen, der durchschnittliche Bestand nur zusammen mit dem Anteil des Sicherheitsbestands daran. Ein Bericht, der nur eine Seite zeigt, lädt dazu ein, sie auf Kosten der anderen zu verbessern.

Typische Fehler beim Messen von Lagerkennzahlen

Die Formeln sind einfach. Die Fehler entstehen fast immer bei den Eingangsgrößen: bei der Bewertung, bei der Zahl der Stichtage, bei der Grundgesamtheit und beim Zeitpunkt der Messung.

Umsatz statt Wareneinsatz. Der Umschlag wird mit dem Umsatz gerechnet, weil er im System auf Knopfdruck bereitsteht. Das Ergebnis fällt umso höher aus, je größer die Handelsspanne ist, und lässt sich mit keinem fremden Wert vergleichen.

2 Stichtage statt 13. Der durchschnittliche Bestand wird aus Anfangs- und Endbestand gebildet. Bei saisonalem Geschäft sind das oft die beiden niedrigsten Stände des Jahres, und Umschlag, Lagerdauer und Kapitalbindung erscheinen deutlich besser, als sie sind. Wie groß der Effekt werden kann, steht unter durchschnittlicher Lagerbestand.

Ein Wert für das ganze Lager. Ein Gesamtumschlag von 5 kann aus A-Teilen mit 12 Umschlägen und C-Teilen mit 1,5 Umschlägen bestehen. Der Durchschnitt beschreibt dann keinen einzigen Artikel. Sinnvoll wird jede Zeit- und Kostenkennzahl erst, wenn sie zusätzlich je Artikelklasse gerechnet wird, mindestens nach der ABC-Analyse.

Kennzahlen am Stichtag geschönt. Wer weiß, dass am Jahresende gemessen wird, verschiebt Wareneingänge in den Januar. Der Bilanzbestand sinkt, der tatsächliche Bestand im Jahresverlauf nicht. Monatliche Messpunkte machen diesen Effekt sichtbar, weil ein einzelner Stichtag nur 1 von 13 Werten im Durchschnitt ist.

Definition nicht mitgeliefert. 2 Abteilungen berichten einen Lieferbereitschaftsgrad, die eine nach Positionen, die andere nach Aufträgen. Die Zahlen weichen voneinander ab, und die Diskussion dreht sich um die Frage, wer recht hat, statt um das Lager. Mit der Kennzahl gehört immer ihre Definition in den Bericht.

Welche Kennzahl bei Ihnen welchen Fehler enthält, zeigt sich erst in den Rohdaten. Genau dort setzt die Bestandsanalyse an: Bevor ein Parameter hergeleitet wird, prüfe ich, ob Bestände, Verbräuche und Wiederbeschaffungszeiten im System belastbar sind.

Woher kommen die Daten, und wie oft wird gemessen?

Alle Kennzahlen auf dieser Seite lassen sich aus 3 Datenquellen eines Warenwirtschafts- oder ERP-Systems bilden: den Bestandsständen je Stichtag, den Materialbewegungen und den Bestellungen mit Bestell- und Eingangsdatum. Gemessen wird monatlich, berichtet je Artikelklasse.

Die Bestandsstände liefern den durchschnittlichen Bestand, die Reichweite und den Ladenhüteranteil. Die Materialbewegungen liefern den Wareneinsatz, den Verbrauch je Periode und damit auch die Schwankung, die in den Sicherheitsbestand eingeht. Aus den Bestellungen ergeben sich die tatsächlichen Wiederbeschaffungszeiten und deren Streuung. Der Lieferbereitschaftsgrad braucht zusätzlich die Anforderungen, die nicht sofort bedient werden konnten, und diese Information ist in vielen Systemen nur indirekt vorhanden, etwa über Rückstandspositionen.

Ein monatlicher Rhythmus reicht für fast alle Kennzahlen. Die Reichweite ist die Ausnahme: Sie gehört je Artikel täglich oder zumindest wöchentlich auf den Tisch, weil sie das Frühwarnsignal für Fehlmengen ist. Die Bestandsgenauigkeit entsteht bei jeder Inventur und jeder Stichprobenzählung und wird am besten laufend fortgeschrieben.

Für einen ersten Überblick genügen die Daten eines vollständigen Jahres. Wer die Kennzahlen je Artikelklasse bilden will, braucht zusätzlich die ABC-Einteilung aus den Verbrauchswerten und für die Schwankung die XYZ-Analyse aus den Monatsverbräuchen. Die Reihenfolge, in der diese Größen in einem Bestandsprojekt ermittelt werden, steht unter Bestandsoptimierung.

Übungsaufgaben mit Lösung

3 Aufgaben zu Zeit-, Reichweiten- und Kostenkennzahlen. Die Zahlen sind so gewählt, dass die Lösungswege ohne Taschenrechner nachvollziehbar bleiben.

Übungsaufgabe 1

Umschlag und Lagerdauer

Aufgabe: Ein Großhändler hat einen Wareneinsatz von 2.400.000 Euro im Jahr. Der durchschnittliche Lagerbestand beträgt 400.000 Euro. Berechnen Sie die Lagerumschlagshäufigkeit und die durchschnittliche Lagerdauer mit 360 Tagen.

Lösung:

Umschlag = 2.400.000 ÷ 400.000 = 6
Lagerdauer = 360 ÷ 6 = 60 Tage

Ergebnis: Der Bestand schlägt sich 6-mal im Jahr um, Ware liegt im Durchschnitt 60 Tage im Lager. Mit 365 Tagen gerechnet wären es rund 61 Tage. In einer Prüfung wird die Konvention meist vorgegeben, im Betrieb gehört sie dazugeschrieben.

Übungsaufgabe 2

Reichweite gegen Wiederbeschaffungszeit

Aufgabe: Von einem Artikel liegen 12.000 Stück im Lager. Der geplante Verbrauch beträgt 300 Stück je Arbeitstag. Der Lieferant liefert 45 Arbeitstage nach Bestellung. Berechnen Sie die Reichweite und beurteilen Sie, ob heute bestellt werden muss.

Lösung:

Reichweite = 12.000 ÷ 300 = 40 Arbeitstage
Wiederbeschaffungszeit = 45 Arbeitstage
Lücke = 45 − 40 = 5 Arbeitstage
fehlende Menge = 5 × 300 = 1.500 Stück

Ergebnis: Die Bestellung ist bereits überfällig. Auch wenn heute bestellt wird, fehlen voraussichtlich 5 Arbeitstage lang je 300 Stück, zusammen 1.500 Stück. Abhilfe schafft nur eine verkürzte Lieferung oder eine Teillieferung. Der Fall zeigt, warum Reichweite und Wiederbeschaffungszeit in derselben Einheit stehen müssen.

Übungsaufgabe 3

Lagerhaltungskosten und Lagerzinssatz

Aufgabe: Ein Betrieb hat einen durchschnittlichen Lagerbestand von 500.000 Euro und einen Umschlag von 8. Der Lagerkostensatz beträgt 15,7 Prozent, der Kapitalkostensatz 5,65 Prozent. Berechnen Sie die bestandsabhängigen Lagerhaltungskosten, die Kapitalbindungskosten und den Lagerzinssatz mit 360 Tagen. Prüfen Sie das Ergebnis über den Wareneinsatz.

Lösung:

bestandsabhängige Lagerhaltungskosten = 500.000 × 15,7 % = 78.500 Euro
Kapitalbindungskosten = 500.000 × 5,65 % = 28.250 Euro
Lagerdauer = 360 ÷ 8 = 45 Tage
Lagerzinssatz = 5,65 % × 45 ÷ 360 ≈ 0,71 %
Wareneinsatz = 8 × 500.000 = 4.000.000 Euro
Kontrolle: 4.000.000 × 5,65 % × 45 ÷ 360 = 28.250 Euro

Ergebnis: Der Bestand verursacht 78.500 Euro bestandsabhängige Kosten im Jahr, davon 28.250 Euro Zinsen auf das gebundene Kapital. Der Lagerzinssatz liegt bei rund 0,71 Prozent des Wareneinsatzes. Beide Wege ergeben dieselben 28.250 Euro, die Rechnung ist also in sich stimmig. Für die Kontrolle wird mit dem ungerundeten Satz gerechnet.

Die Einzelseiten zu den Lagerkennzahlen

Zu den folgenden Kennzahlen gibt es eine eigene Seite mit Herleitung, Beispiel und den typischen Fehlern.

Häufige Fragen zu Lagerkennzahlen

Was sind die wichtigsten Lagerkennzahlen?

Lagerumschlagshäufigkeit, durchschnittliche Lagerdauer, Reichweite, durchschnittlicher Lagerbestand, Lagerkostensatz und Lieferbereitschaftsgrad. Die ersten 4 beschreiben Höhe und Geschwindigkeit des Bestands, der Lagerkostensatz seine Kosten und der Lieferbereitschaftsgrad, ob er seinen Zweck erfüllt. Dazu kommt die Bestandsgenauigkeit als Voraussetzung dafür, dass die übrigen Zahlen stimmen.

Wie berechnet man die Lagerreichweite?

Aktueller Bestand geteilt durch den geplanten Verbrauch pro Tag. Das Ergebnis ist die Zahl der Tage, die der Bestand beim erwarteten Verbrauch noch reicht. Der Verbrauch sollte aus der Prognose oder aus bekannten Aufträgen stammen, nicht aus dem Vorjahresdurchschnitt, und dieselbe Einheit haben wie die Wiederbeschaffungszeit.

Was ist der Unterschied zwischen Lagerdauer und Reichweite?

Die Lagerdauer blickt zurück und beschreibt, wie lange Ware im Durchschnitt eines vergangenen Jahres im Lager lag. Sie wird als 365 geteilt durch die Umschlagshäufigkeit gerechnet. Die Reichweite blickt nach vorn und beschreibt, wie lange der heutige Bestand beim geplanten Verbrauch noch reicht.

Was ist ein guter Lagerumschlag?

Einen allgemein guten Wert gibt es nicht, weil der Umschlag stark von Branche, Sortiment und Wiederbeschaffungszeiten abhängt. Aussagekräftig ist der Vergleich mit dem eigenen Vorjahr, getrennt nach Artikelklassen, und immer zusammen mit dem Lieferbereitschaftsgrad. Ein steigender Umschlag bei sinkender Lieferfähigkeit ist keine Verbesserung.

Wie berechnet man den Lagerzinssatz?

Jahreszinssatz mal durchschnittliche Lagerdauer geteilt durch 360. Bei einem Kapitalkostensatz von 5,65 Prozent und einer Lagerdauer von 72 Tagen ergibt das 1,13 Prozent. Angewendet auf den Wareneinsatz ergibt der Lagerzinssatz dieselben Zinskosten wie der Kapitalkostensatz angewendet auf den durchschnittlichen Bestand.

Welche Daten brauche ich für Lagerkennzahlen?

Bestandsstände zu mehreren Stichtagen, die Materialbewegungen eines Jahres mit Mengen und Einstandspreisen und die Bestellungen mit Bestell- und Eingangsdatum. Für den Lieferbereitschaftsgrad kommen die Anforderungen dazu, die nicht sofort bedient werden konnten. Alles davon steht in einem Warenwirtschafts- oder ERP-System.

Wie oft sollte man Lagerkennzahlen erheben?

Monatlich für Bestand, Umschlag, Kosten und Lieferbereitschaftsgrad, getrennt nach Artikelklassen. Die Reichweite je Artikel gehört täglich oder wöchentlich in die Disposition, weil sie drohende Fehlmengen anzeigt. Die Bestandsgenauigkeit ergibt sich aus jeder Inventur und Stichprobenzählung.

Welche Ihrer Kennzahlen stimmt wirklich?

Im Erstgespräch klären wir unverbindlich, wie Ihre Lagerkennzahlen heute entstehen und welche davon je Artikelklasse nachgerechnet werden sollten.

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