Working Capital und Bilanzwirkung

Liquiditätsplanung: wie ein Liquiditätsplan aufgebaut ist und was der Bestand darin anrichtet

Abstrakte Grafik: Ein- und Auszahlungen je Periode als Balken mit fortlaufender Liquiditätslinie

Liquiditätsplanung ist die Vorausschau aller erwarteten Ein- und Auszahlungen eines Unternehmens, Periode für Periode. Sie zeigt, wann Geld fehlt, bevor es fehlt. Ihr Ergebnis ist der Liquiditätsplan: Anfangsbestand an Geld plus Einzahlungen minus Auszahlungen ergibt den Endbestand jeder Periode.

Die meisten Anleitungen zur Liquiditätsplanung erklären den Aufbau und stellen eine Vorlage bereit. Diese Seite tut beides und rechnet dann einen vollständigen 12-Monats-Plan für einen erfundenen Betrieb durch, der Gewinn macht und trotzdem im Sommer ins Minus rutscht. Der Grund ist nicht der Umsatz, es ist der saisonale Aufbau des Lagerbestands. An diesem Beispiel wird sichtbar, warum für ein Unternehmen mit Lager der Wareneinkauf die wichtigste Zeile im Plan ist. Am Ende stehen 3 Übungsaufgaben mit Lösungsweg.

Hinweis: Diese Seite erklärt Aufbau und Zusammenhänge. Sie ist keine Finanzierungs-, Steuer- oder Rechtsberatung. Die zitierten Vorschriften entsprechen dem Stand bei gesetze-im-internet.de am 29.09.2026.

Was ist Liquiditätsplanung?

Liquiditätsplanung ist die Gegenüberstellung der Zahlungen, die in den kommenden Wochen und Monaten ein- und ausgehen werden. Ihr Zweck ist, die Zahlungsfähigkeit jederzeit zu sichern: Engpässe früh zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Gerechnet wird ausschließlich mit Zahlungen, also mit dem Zeitpunkt, an dem Geld tatsächlich das Konto erreicht oder verlässt. Ein Umsatz, der im März gebucht, aber erst im April bezahlt wird, ist im Liquiditätsplan eine Einzahlung im April. Eine Warenlieferung, die im März eintrifft und mit 30 Tagen Ziel bezahlt wird, ist eine Auszahlung im April. Diese Verschiebungen sind der Kern der Planung.

Liquiditätsplanung ist deshalb etwas anderes als die Planung von Umsatz und Gewinn. Beide Pläne arbeiten mit denselben Geschäftsvorfällen, aber zu anderen Zeitpunkten und teilweise mit anderen Beträgen. Ein Unternehmen braucht beide: den Erfolgsplan, um zu wissen, ob es Geld verdient, und den Liquiditätsplan, um zu wissen, ob es seine Rechnungen bezahlen kann.

Innerhalb des Working Capital ist die Liquiditätsplanung der Blick nach vorn. Die Kennzahlen des Working Capital Management beschreiben einen Stichtag, der Liquiditätsplan beschreibt die Wochen und Monate danach.

Warum ist Gewinn keine Liquidität?

Weil Gewinn aus Erträgen und Aufwendungen entsteht und Liquidität aus Einzahlungen und Auszahlungen. Für ein Unternehmen mit Lager ist der wichtigste Unterschied der Bestand: Ware, die gekauft und bezahlt, aber noch nicht verkauft wurde, kostet Geld, ohne im Gewinn als Aufwand zu erscheinen.

In der Gewinnrechnung erscheint Ware erst dann als Aufwand, wenn sie verkauft ist, als Wareneinsatz. Im Liquiditätsplan erscheint sie, wenn sie bezahlt wird, als Wareneinkauf. Solange der Bestand gleich bleibt, sind beide Beträge über das Jahr gleich groß. Wächst der Bestand, ist der Einkauf höher als der Wareneinsatz, und die Differenz verlässt das Unternehmen als Geld, ohne den Gewinn zu mindern.

Dazu kommen die Zahlungsziele. Forderungen verzögern die Einzahlung gegenüber dem Umsatz, Lieferantenziele verzögern die Auszahlung gegenüber dem Einkauf. Wie lang diese Verzögerungen im Durchschnitt sind und wie sie zusammen mit der Lagerdauer die Geldumschlagsdauer ergeben, zeigt der Cash Conversion Cycle.

Weitere Unterschiede zwischen Gewinn und Zahlung sind Abschreibungen, die Aufwand ohne Zahlung sind, und Investitionen und Tilgungen, die Zahlungen ohne Aufwand sind. Sie gehören in jeden vollständigen Liquiditätsplan. Für die Frage, warum ein profitabler Betrieb mit Lager zeitweise knapp bei Kasse sein kann, ist der Bestand aber meist die größte Einzelgröße.

Wie ist ein Liquiditätsplan aufgebaut?

Jede Periode beginnt mit dem Bestand an liquiden Mitteln, addiert die erwarteten Einzahlungen, zieht die erwarteten Auszahlungen ab und endet mit einem neuen Bestand. Der Endbestand einer Periode ist der Anfangsbestand der nächsten.

Grundformel

Endbestand = Anfangsbestand + Einzahlungen − Auszahlungen

Über- oder Unterdeckung = Endbestand + verfügbare Kreditlinie

Die Perioden stehen nebeneinander, die Zahlungsarten untereinander. Oben stehen die Einzahlungen, darunter die Auszahlungen, jeweils nach Arten gegliedert. Am Ende jeder Spalte steht der Saldo der Periode und der kumulierte Bestand. Die letzte Zeile zeigt, ob der Bestand zusammen mit einem vereinbarten Kreditrahmen reicht.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen operativen und übrigen Zahlungen. Operative Zahlungen entstehen aus dem laufenden Geschäft: Kundenzahlungen, Wareneinkauf, Personal, Miete, Energie. Die übrigen entstehen aus Investitionen und Finanzierung: Maschinenkäufe, Kreditaufnahmen, Tilgungen, Zinsen, Ausschüttungen. Getrennt ausgewiesen zeigt der Plan, ob das laufende Geschäft sich selbst trägt oder ob es von Finanzierung abhängt.

Welche Zeilen gehören in eine Vorlage für die Liquiditätsplanung?

Eine brauchbare Vorlage hat 4 Blöcke: Anfangsbestand, Einzahlungen, Auszahlungen und Ergebnis. Für ein Unternehmen mit Lager gehört der Wareneinkauf als eigene, gut begründete Zeile hinein, getrennt von allen anderen Auszahlungen.

Zeilen einer Vorlage

A. Anfangsbestand liquide Mittel

B. Einzahlungen
Kundenzahlungen aus Umsatz
sonstige betriebliche Einzahlungen
Einzahlungen aus Anlagenverkauf
Kreditaufnahmen, Einlagen

C. Auszahlungen
Wareneinkauf und Material
Personal einschließlich Abgaben
Miete, Energie, Versicherung
sonstige betriebliche Auszahlungen
Steuern
Investitionen
Zinsen und Tilgung
Entnahmen oder Ausschüttungen

D. Ergebnis
Saldo der Periode = B − C
Endbestand = A + B − C
verfügbare Kreditlinie
Über- oder Unterdeckung

Jede Zeile braucht eine Herleitung, die man in 3 Monaten noch nachvollziehen kann. Für die Kundenzahlungen ist das der geplante Umsatz, verschoben um das übliche Zahlungsverhalten. Für den Wareneinkauf ist es der geplante Wareneinsatz, korrigiert um die geplante Bestandsveränderung und verschoben um das Lieferantenziel. Für Personal und Miete genügen die vertraglichen Beträge.

Eine Tabellenkalkulation reicht dafür aus. Entscheidend ist weniger das Werkzeug als die Pflege: Ein Plan, der einmal aufgestellt und nicht fortgeschrieben wird, ist nach wenigen Wochen veraltet.

Wer eine Vorlage zum ersten Mal füllt, beginnt am besten mit der Vergangenheit statt mit der Zukunft. Die Kontoauszüge der letzten 3 Monate, nach den Zeilen der Vorlage sortiert, zeigen, welche Zahlungen regelmäßig anfallen, wann im Monat sie fällig werden und wie lange Kunden tatsächlich brauchen. Aus diesem Ist lassen sich die ersten Planwerte ableiten. Erst danach kommen die Veränderungen hinzu, die für die kommenden Monate bekannt sind: eine geplante Investition, eine Preiserhöhung beim Lieferanten, der Bestandsaufbau vor der Saison. So entsteht ein Plan, dessen Ausgangswerte belegt sind und dessen Abweichungen sich einzeln begründen lassen.

Welcher Zeithorizont und welcher Rhythmus?

Üblich sind 2 Ebenen: eine kurzfristige Planung auf Wochenbasis über etwa 13 Wochen und eine mittelfristige Planung auf Monatsbasis über 12 Monate oder länger. Beide werden rollierend fortgeschrieben, also jede Woche oder jeden Monat um eine Periode verlängert.

Die Wochenplanung zeigt die Engpässe, die sich innerhalb eines Monats verstecken. Ein Monat kann im Saldo positiv sein und trotzdem in der 2. Woche ein Loch haben, wenn die großen Auszahlungen am Monatsanfang fällig sind und die Kundenzahlungen erst später eingehen. Die Monatsplanung zeigt die großen Bewegungen über das Jahr: Saison, Bestandsaufbau, Steuerzahlungen, Investitionen.

Zu jeder Fortschreibung gehört ein Abgleich mit dem Ist. Weicht der tatsächliche Kontostand vom geplanten ab, wird zuerst die Ursache gesucht und erst dann die Zahl korrigiert. Kommen Kundenzahlungen regelmäßig später als geplant, ist die Annahme zum Zahlungsverhalten falsch und muss für alle folgenden Perioden angepasst werden.

Für die Frage, ob eine Zahlungsunfähigkeit droht, nennt die Insolvenzordnung einen eigenen Zeitraum. Er steht weiter unten im Abschnitt zur Insolvenzordnung.

Liquiditätsplan an einem Beispiel: profitabel und trotzdem im Minus

Ein erfundener Betrieb mit 12 Millionen Euro Umsatz und 7,2 Millionen Euro Wareneinsatz im Jahr, gleichmäßig über die Monate verteilt. Der Lagerbestand folgt dem saisonalen Verlauf von der Seite zum durchschnittlichen Lagerbestand: 1,0 Millionen Euro zum Jahreswechsel, 1,9 Millionen Euro im Juli.

Beispiel: Annahmen je Monat

Einzahlungen aus Umsatz: 1.000.000 Euro
Wareneinsatz: 600.000 Euro
Wareneinkauf = Wareneinsatz + Bestandsveränderung
sonstige Auszahlungen: 330.000 Euro
Überschuss ohne Bestandsveränderung: 70.000 Euro
liquide Mittel am 1.1.: 350.000 Euro

Vereinfachung: Einkäufe werden im selben Monat bezahlt, Kunden zahlen gleichmäßig.

Monat Bestand­veränd. Einkauf Saldo Konto
Jan+100700−30320
Feb+100700−30290
Mär+150750−80210
Apr+150750−80130
Mai+150750−8050
Jun+150750−80−30
Jul+100700−30−60
Aug−50550+12060
Sep−150450+220280
Okt−200400+270550
Nov−330270+400950
Dez−170430+2401.190

Alle Werte in 1.000 Euro. Saldo = 1.000 Einzahlungen − Einkauf − 330 sonstige Auszahlungen. Konto = liquide Mittel am Monatsende.

Der Betrieb verdient jeden Monat 70.000 Euro und hat im Juni und Juli trotzdem kein Geld auf dem Konto. Von Januar bis Juli baut er 900.000 Euro Bestand auf. In derselben Zeit erwirtschaftet er 7 × 70.000 = 490.000 Euro Überschuss. Zusammen mit den 350.000 Euro vom Jahresanfang reicht das nicht: 350.000 + 490.000 − 900.000 = −60.000 Euro im Juli.

Ab August kehrt sich das um. Der Bestand wird abverkauft, der Einkauf liegt unter dem Wareneinsatz, und das Geld fließt zurück. Zum Jahresende stehen 1.190.000 Euro auf dem Konto, genau 350.000 Euro plus 12 × 70.000 Euro, weil der Bestand wieder bei 1,0 Millionen Euro liegt. Eine Jahresbetrachtung hätte den Engpass im Sommer nie gezeigt. Nur der Monatsplan macht ihn sichtbar.

Der Lagerbestand als Stellgröße der Liquidität

Im Beispiel entscheidet die Höhe des Bestandsaufbaus darüber, ob der Betrieb im Sommer eine Finanzierung braucht. Fällt der Aufbau bis Juli um 20 Prozent geringer aus, liegt der Tiefpunkt bei 120.000 Euro im Plus statt bei 60.000 Euro im Minus.

Beispiel: Bestandsaufbau um 20 % geringer

Bestandsaufbau Januar bis Juli: 900.000 × 0,8 = 720.000 Euro
Kontostand Ende Juli:
350.000 + 7 × 70.000 − 720.000 = 120.000 Euro

Unterschied zum Ausgangsfall: 180.000 Euro

Die 180.000 Euro entstehen, ohne dass sich an Umsatz, Marge oder Kosten etwas ändert. Sie hängen allein daran, wie viel Ware vor der Saison eingelagert wird. Dazu kommt ein weiterer Effekt: Weniger gebundenes Kapital kostet weniger Zinsen. 180.000 Euro weniger Bestand kosten bei einem Kapitalkostensatz von 5,65 Prozent rund 10.170 Euro weniger im Jahr, auf ein volles Jahr gerechnet. Im Beispiel ist der Bestand nur einige Monate erhöht, der tatsächliche Betrag fällt entsprechend kleiner aus. Ob 20 Prozent weniger möglich sind, ohne in der Saison lieferunfähig zu werden, ist eine Frage an die Disposition: Welcher Teil des Aufbaus ist durch den erwarteten Absatz und den nötigen Sicherheitsbestand begründet, und welcher ist Gewohnheit oder Vorsicht?

Die Frage lässt sich je Artikel beantworten. Der rechnerisch begründete Bestand ergibt sich aus Sicherheitsbestand und Bestellmenge, wie unter durchschnittlicher Lagerbestand gezeigt. Liegt der tatsächliche Aufbau deutlich darüber, ist die Differenz Kapital, das im Liquiditätsplan als Auszahlung erscheint, ohne dass es für die Lieferfähigkeit nötig wäre. Wie sich das in Euro Kapitalbindung ausdrückt, steht unter Kapitalbindung berechnen.

Für die Liquiditätsplanung heißt das: Der Wareneinkauf ist die Zeile, auf die sich die meiste Aufmerksamkeit lohnt. Sie ist bei einem Unternehmen mit Lager meist die größte Auszahlung, und anders als Personal oder Miete lässt sie sich innerhalb weniger Wochen verändern. Diese Änderung darf allerdings nicht die Lieferfähigkeit treffen, sonst wird aus dem Liquiditätsproblem ein Umsatzproblem.

Welcher Teil Ihres Bestandsaufbaus ist rechnerisch nötig? In der Cashflow-Beratung stelle ich Ihre Bestandsparameter auf ein hergeleitetes Niveau um und begleite die Umstellung, bis sich die Wirkung in Reichweite und Kapitalbindung nachweisen lässt. Die Liquiditätsplanung selbst und Finanzierungsfragen bleiben bei Ihrer kaufmännischen Leitung und Ihrer Bank.

Wie plant man den Wareneinkauf im Liquiditätsplan?

In 3 Schritten: den Wareneinsatz aus dem geplanten Umsatz ableiten, die geplante Bestandsveränderung dazurechnen und das Ergebnis um das Zahlungsziel des Lieferanten verschieben. Wer nur den Wareneinsatz einträgt, übersieht jeden Bestandsaufbau.

Schritt 1, Wareneinsatz. Geplanter Umsatz mal Wareneinsatzquote. Bei 1.000.000 Euro Monatsumsatz und 60 Prozent Wareneinsatzquote sind das 600.000 Euro. Wie die Quote entsteht, steht unter Wareneinsatz.

Schritt 2, Bestandsveränderung. Der geplante Bestand am Monatsende minus der Bestand am Monatsanfang. Er ergibt sich aus der Disposition, also aus den Bestellmengen und Sicherheitsbeständen der Artikel und dem erwarteten Verlauf der Nachfrage. Wird Bestand aufgebaut, steigt der Einkauf über den Wareneinsatz, wird er abgebaut, sinkt er darunter.

Schritt 3, Zahlungsziel. Der Einkauf eines Monats wird in dem Monat eingetragen, in dem er bezahlt wird. Bei 30 Tagen Ziel ist das in der Regel der Folgemonat. Das Beispiel oben hat diese Verschiebung zur Vereinfachung weggelassen. Mit ihr verschiebt sich jede Warenzahlung um einen Monat. Im Beispiel wäre im Januar nur der Dezembereinkauf des Vorjahres zu bezahlen, der wegen des Bestandsabbaus bei 430.000 Euro liegt. Der Tiefpunkt läge dann im August bei 180.000 Euro im Plus. Das Lieferantenziel finanziert also einen Teil des Aufbaus. An der Lehre ändert das nichts: Der Tiefpunkt liegt mitten im Jahr und ist in keiner Jahresbetrachtung zu sehen.

Schritt 2 ist der, bei dem die meisten Pläne ungenau werden. Oft wird die Bestandsveränderung gar nicht geplant, weil niemand sie vorgibt. Dann erscheint im Plan ein gleichmäßiger Einkauf, und der tatsächliche Einkauf weicht davon ab, sobald die Disposition für die Saison vorbestellt. Eine gute Liquiditätsplanung fragt deshalb die Disposition nach dem geplanten Bestandsverlauf, statt ihn zu unterstellen.

Wie rechnet man Szenarien in der Liquiditätsplanung?

Man ändert eine Annahme nach der anderen und liest ab, wie sich der Tiefpunkt verschiebt. Für ein Unternehmen mit Lager sind 2 Annahmen fast immer die wichtigsten: wann die Kunden zahlen und wie viel Bestand aufgebaut wird.

Ein Plan mit einer einzigen Zahlenreihe täuscht eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Jede Annahme darin kann sich als zu optimistisch erweisen. Szenarien zeigen, welche Annahmen den Plan tragen und bei welcher Abweichung das Geld nicht mehr reicht. Im Musterbetrieb von oben sehen 4 Varianten so aus:

Beispiel: Tiefpunkt im Juli, 4 Szenarien

Plan wie oben:
350.000 + 490.000 − 900.000 = −60.000 Euro

Kunden zahlen ab Januar 15 Tage später:
einmalig ein halber Monatsumsatz weniger, 500.000 Euro
−60.000 − 500.000 = −560.000 Euro

Bestandsaufbau 20 % geringer:
350.000 + 490.000 − 720.000 = +120.000 Euro

beides zusammen:
120.000 − 500.000 = −380.000 Euro

Die 15 Tage späterer Zahlungseingang wirken wie ein einmaliger Abfluss von einem halben Monatsumsatz. Das Geld ist nicht verloren, es kommt nur später. Für den Kontostand im Juli macht das aber keinen Unterschied. Der geringere Bestandsaufbau wirkt in die Gegenrichtung und ist im Unterschied zum Zahlungsverhalten der Kunden eine Größe, über die der Betrieb selbst entscheidet.

Sinnvoll ist, zu jedem Plan mindestens ein vorsichtiges Szenario mitzurechnen, in dem die unsicherste Annahme schlechter ausfällt als erwartet. Zeigt schon dieses Szenario einen Engpass, der mit dem vorhandenen Kreditrahmen nicht zu decken ist, ist das der Zeitpunkt, die Finanzierung mit der kaufmännischen Leitung und der Bank zu klären, lange vor dem Monat, in dem das Konto tatsächlich leer ist.

Welche Frühwarnzeichen zeigt der Bestand?

Bevor ein Engpass im Kontostand sichtbar wird, zeigt er sich oft in Bestandsgrößen: eine Reichweite, die über den Plan steigt, ein Einkauf, der dem Absatz vorausläuft, und ein wachsender Anteil von Artikeln ohne Bewegung. Alle 3 lassen sich monatlich aus dem Warenwirtschaftssystem ablesen.

Reichweite über Plan. Liegt der Bestand am Monatsende höher, als es der erwartete Absatz der kommenden Wochen erfordert, wurde mehr eingekauft als verkauft. Das Geld dafür ist bereits abgeflossen oder wird es mit dem nächsten Zahlungslauf. Wie die Reichweite gerechnet wird, steht unter Lagerkennzahlen.

Einkauf läuft dem Absatz voraus. Ein Vergleich des Wareneinkaufs mit dem Wareneinsatz je Monat zeigt jeden Bestandsaufbau, lange bevor er in der Bilanz erscheint. Im Beispiel oben liegt der Einkauf von Januar bis Juli jeden Monat über dem Wareneinsatz. Das ist geplant. Gefährlich wird es, wenn es ungeplant geschieht.

Wachsender Ladenhüteranteil. Steigt der Wert der Artikel, die seit Monaten nicht bewegt wurden, bindet das Lager Geld, das auf absehbare Zeit nicht zurückfließt. Im Liquiditätsplan erscheint dieser Bestand nirgends, weil er keine Zahlung mehr auslöst. Er fehlt aber als Reserve, die sich im Notfall durch Abverkauf heben ließe.

Diese Zeichen sind nützlich, weil sie früher kommen als der Kontostand. Ein Liquiditätsplan beschreibt, was man erwartet. Die Bestandsgrößen zeigen, ob die Disposition diese Erwartung im Tagesgeschäft tatsächlich umsetzt.

Was sagt die Insolvenzordnung zur Zahlungsunfähigkeit?

Nach § 17 Absatz 2 InsO ist ein Schuldner zahlungsunfähig, wenn er nicht in der Lage ist, die fälligen Zahlungspflichten zu erfüllen. Nach § 18 Absatz 2 InsO droht die Zahlungsunfähigkeit, wenn er voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, die bestehenden Zahlungspflichten im Zeitpunkt der Fälligkeit zu erfüllen. Für diese Prognose ist in aller Regel ein Zeitraum von 24 Monaten zugrunde zu legen.

Der Wortlaut beider Vorschriften stellt auf Zahlungen ab, nicht auf Gewinn oder Vermögen. § 17 Absatz 2 InsO ergänzt: Zahlungsunfähigkeit ist in der Regel anzunehmen, wenn der Schuldner seine Zahlungen eingestellt hat. § 18 Absatz 1 InsO bestimmt, dass die drohende Zahlungsunfähigkeit ein Eröffnungsgrund ist, wenn der Schuldner die Eröffnung des Insolvenzverfahrens selbst beantragt.

Für die Liquiditätsplanung folgt daraus vor allem eines: Ein Plan, der nur einige Monate weit reicht, deckt den Prognosezeitraum nicht ab, den § 18 Absatz 2 InsO in aller Regel nennt. Was im Einzelfall daraus folgt, welche Pflichten die Geschäftsleitung hat und wie eine solche Prognose aufzubauen ist, gehört in die Hände einer Rechtsberatung. Diese Seite beschreibt nur den Wortlaut.

Typische Fehler in der Liquiditätsplanung

6 Fehler begegnen mir regelmäßig. Die meisten entstehen, weil Zahlen aus der Gewinnplanung ohne Umrechnung übernommen werden.

Umsatz statt Zahlungseingang. Der geplante Umsatz wird als Einzahlung im selben Monat eingetragen. Bei 45 Tagen durchschnittlicher Forderungslaufzeit kommt ein Monatsumsatz aber zu großen Teilen erst im Folgemonat an. In Monaten mit steigendem Umsatz liegt der Plan dann zu hoch, gerade dann, wenn für das Wachstum auch mehr Ware eingekauft wird.

Wareneinsatz statt Wareneinkauf. Der Bestandsaufbau fehlt, und der Plan zeigt ein Polster, das es im Sommer nicht gibt. Das Beispiel oben ist genau dieser Fall.

Beträge mit Umsatzsteuer vergessen. Kundenzahlungen und Einkäufe fließen brutto, die Umsatzsteuer wird zeitversetzt abgeführt oder erstattet. Wer netto plant, muss die Steuerzahlungen als eigene Zeile führen.

Einmalige Zahlungen übersehen. Jahresprämien für Versicherungen, Steuernachzahlungen, Sonderzahlungen an Mitarbeiter. Sie fallen selten an und genau deshalb aus dem Blick.

Monatssalden ohne Wochensicht. Ein positiver Monatssaldo kann einen Engpass in der 2. Woche verdecken.

Plan ohne Ist-Abgleich. Ohne regelmäßigen Vergleich mit dem tatsächlichen Kontostand bleibt eine falsche Annahme im Plan, bis sie sich als Engpass zeigt.

Übungsaufgaben mit Lösung

3 Aufgaben zu Einkauf, Endbestand und Zahlungsverschiebung.

Übungsaufgabe 1

Wareneinkauf aus Wareneinsatz und Bestand

Aufgabe: Ein Händler plant für den Mai 400.000 Euro Umsatz bei 65 Prozent Wareneinsatzquote. Der Lagerbestand soll im Mai von 520.000 auf 580.000 Euro steigen. Welcher Wareneinkauf gehört in den Plan?

Lösung:

Wareneinsatz = 400.000 × 65 % = 260.000 Euro
Bestandsveränderung = 580.000 − 520.000 = +60.000 Euro
Wareneinkauf = 260.000 + 60.000 = 320.000 Euro

Ergebnis: In den Plan gehören 320.000 Euro Wareneinkauf, in dem Monat, in dem sie bezahlt werden. Mit dem Wareneinsatz allein wären es 60.000 Euro zu wenig.

Übungsaufgabe 2

Endbestand über 3 Monate

Aufgabe: Anfangsbestand an liquiden Mitteln 80.000 Euro. Einzahlungen je Monat 500.000 Euro. Auszahlungen: April 520.000 Euro, Mai 560.000 Euro, Juni 470.000 Euro. Kreditlinie 50.000 Euro. In welchem Monat reicht das Geld einschließlich Kreditlinie nicht?

Lösung:

April: 80.000 + 500.000 − 520.000 = 60.000
Mai: 60.000 + 500.000 − 560.000 = 0
Juni: 0 + 500.000 − 470.000 = 30.000

mit Kreditlinie: April 110.000, Mai 50.000, Juni 80.000

Ergebnis: Das Geld reicht in allen 3 Monaten. Im Mai ist das Konto allerdings leer, und nur die Kreditlinie von 50.000 Euro bleibt als Reserve. Eine unerwartete Zahlung von mehr als 50.000 Euro im Mai könnte der Betrieb nicht mehr leisten.

Übungsaufgabe 3

Zahlungsziel verschiebt den Einkauf

Aufgabe: Ein Betrieb kauft im Juni für 300.000 Euro und im Juli für 200.000 Euro Ware ein. Der Lieferant gewährt 30 Tage Ziel, gezahlt wird jeweils im Folgemonat. Welche Auszahlungen für Ware stehen im Juli und im August im Liquiditätsplan?

Lösung:

Juli: Zahlung für den Juni-Einkauf = 300.000 Euro
August: Zahlung für den Juli-Einkauf = 200.000 Euro

Ergebnis: Im Plan erscheint jeder Einkauf einen Monat später. Wer den Einkauf im Monat der Lieferung einträgt, zeigt im Juni einen Engpass, der in Wahrheit im Juli liegt.

Häufige Fragen zur Liquiditätsplanung

Was ist Liquiditätsplanung?

Die Vorausschau aller erwarteten Ein- und Auszahlungen eines Unternehmens, Periode für Periode. Sie zeigt, wann Geld fehlt, bevor es fehlt. Ihr Ergebnis ist der Liquiditätsplan mit Anfangsbestand, Einzahlungen, Auszahlungen und Endbestand je Woche oder Monat.

Was gehört in einen Liquiditätsplan?

Der Anfangsbestand an liquiden Mitteln, alle erwarteten Einzahlungen, etwa aus Kundenzahlungen und Krediten, alle erwarteten Auszahlungen, etwa für Wareneinkauf, Personal, Miete, Steuern, Investitionen, Zinsen und Tilgung, und daraus der Endbestand je Periode samt verfügbarer Kreditlinie.

Wie weit sollte eine Liquiditätsplanung reichen?

Üblich sind eine Wochenplanung über etwa 13 Wochen und eine Monatsplanung über 12 Monate oder länger. Für die Prognose einer drohenden Zahlungsunfähigkeit nennt § 18 Absatz 2 InsO in aller Regel einen Zeitraum von 24 Monaten.

Warum kann ein profitables Unternehmen zahlungsunfähig werden?

Weil Gewinn und Zahlungen zu verschiedenen Zeitpunkten anfallen. Ware, die eingekauft und bezahlt, aber noch nicht verkauft ist, kostet Geld, ohne den Gewinn zu mindern. Ein saisonaler Bestandsaufbau kann deshalb das Konto leeren, obwohl jeder Monat mit Gewinn abschließt.

Was ist der Unterschied zwischen Liquiditätsplan und Finanzplan?

Die Begriffe werden oft gleichbedeutend verwendet. Enger gefasst ist der Liquiditätsplan die kurz- bis mittelfristige Planung der Zahlungen, während ein Finanzplan zusätzlich langfristige Investitionen und deren Finanzierung umfasst.

Welche Rolle spielt der Lagerbestand in der Liquiditätsplanung?

Bei Unternehmen mit Lager meist die größte. Der Wareneinkauf entspricht dem Wareneinsatz plus der Bestandsveränderung. Jeder Bestandsaufbau ist eine Auszahlung, die im Gewinn nicht erscheint, und jeder Abbau bringt Geld zurück. Die geplante Bestandsentwicklung gehört deshalb als eigene Annahme in den Plan.

Wie viel Liquidität bindet Ihr Bestandsaufbau?

Im Erstgespräch klären wir unverbindlich, wie stark Ihr Bestand im Jahresverlauf schwankt und welcher Teil dieser Schwankung rechnerisch nötig ist.

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