Das Bestellpunktverfahren löst eine Bestellung aus, sobald der Bestand einen festgelegten Meldebestand erreicht. Dieser Bestellpunkt besteht aus dem Bedarf während der Wiederbeschaffungszeit plus einem Sicherheitsbestand. In der Fachsprache heißen die beiden Varianten (s,Q) und (s,S).
Für jeden Artikel wird eine Bestandsschwelle festgelegt. Sinkt der Bestand auf diese Schwelle, wird bestellt, unabhängig davon, welcher Tag gerade ist. Die Schwelle muss so hoch liegen, dass der vorhandene Bestand bis zur nächsten Lieferung reicht, plus einer Reserve für den Fall, dass mehr verbraucht wird als üblich oder die Lieferung sich verzögert. Mehr ist es im Kern nicht.
Auf dieser Seite steht, wie das Verfahren im Tagesgeschäft funktioniert, wie Sie den Bestellpunkt selbst ausrechnen und woran Sie erkennen, welche der beiden Varianten zu Ihrem Betrieb passt. Alle Zahlen der Beispielrechnung laufen durch die ganze Seite, damit sich die Schritte nachvollziehen lassen.
Das Bestellpunktverfahren ist eine Bestellpolitik, bei der nicht der Kalender die Bestellung auslöst, sondern der Bestand selbst. Sinkt er auf den Bestellpunkt, geht die Bestellung raus, unabhängig davon, welcher Tag gerade ist.
Sie finden dasselbe Verfahren unter mehreren Namen. Gebräuchlich sind Bestellpunktsystem, Meldebestandsverfahren und, in der wissenschaftlichen Schreibweise, s-Politik. Der Buchstabe s steht dabei für den Bestellpunkt, der in der Praxis meist Meldebestand heißt. Gemeint ist immer dasselbe: eine Schwelle, deren Unterschreiten die Beschaffung anstößt.
Der Gegenentwurf ist das Bestellrhythmusverfahren, bei dem in festen Abständen geprüft und aufgefüllt wird. Welches der beiden passt, hängt weniger vom Sortiment ab als von der Frage, ob Ihr Bestand laufend bekannt ist. Mehr dazu weiter unten.
Der Bestand sinkt mit dem Verbrauch, bis er den Bestellpunkt erreicht. Dann wird bestellt. Während der Wiederbeschaffungszeit zehrt der Verbrauch weiter am Bestand, aufgefangen vom Sicherheitsbestand. Mit dem Wareneingang beginnt der Zyklus von vorn.
Die Grafik zeigt den typischen Sägezahnverlauf. Wichtig ist die Fläche unterhalb der grünen Linie: Der Sicherheitsbestand wird im Normalfall nicht angetastet. Er wird nur dann gebraucht, wenn der Verbrauch in der Wiederbeschaffungszeit höher ausfällt als erwartet oder die Lieferung sich verzögert. Wie oft er reichen soll, legt der Servicegrad fest.
Der Bestellpunkt ist der Bedarf während der Wiederbeschaffungszeit plus der Sicherheitsbestand. Für den Beispielartikel dieser Seite, 40 Stück Tagesbedarf und 10 Tage Wiederbeschaffungszeit, ergibt das mit 78 Stück Sicherheitsbestand einen Bestellpunkt von 478 Stück.
Diese Größe heißt in der Praxis Meldebestand. Woher die drei Eingangsgrößen kommen, welche Fehler bei ihrer Ermittlung typisch sind und wie der Wert im Warenwirtschaftssystem gepflegt gehört, steht mit Formel und Rechenbeispiel auf der Seite Meldebestand berechnen: Formel, Größen, Fehlerquellen.
Wie der Sicherheitsbestand von 78 Stück zustande kommt, steht weiter unten, weil er die eigentliche Stellschraube dieses Verfahrens ist.
Der Bestellzeitpunkt ist der Moment, in dem der Bestand den Bestellpunkt erreicht. Beides ist dieselbe Entscheidung in zwei Einheiten: Der Bestellpunkt ist eine Menge, der Bestellzeitpunkt ist ein Datum.
Das ist der Grund, warum dieses Verfahren keinen Bestellkalender kennt. Der Zeitpunkt wird nicht festgelegt, er ergibt sich aus dem Verbrauch. Wird viel entnommen, kommt er früher, steht die Produktion still, kommt er später. Ein Termin, der unabhängig vom Verbrauch im Kalender steht, gehört zum Bestellrhythmusverfahren und nicht hierher.
In der Praxis genügt es aber selten zu wissen, dass das System sich schon melden wird. Wer Bestellungen bündeln, einen Rahmenvertrag abrufen oder eine Urlaubswoche überbrücken will, muss den Zeitpunkt vorher kennen. Dafür gibt es eine einfache Vorausschau:
Tage bis zur Bestellung = ( aktueller Bestand − Bestellpunkt ) ÷ Tagesbedarf
Der Bestellpunkt liegt bei 478 Stück, der Tagesbedarf bei 40 Stück. Im Regal liegen heute 950 Stück.
( 950 − 478 ) ÷ 40 = 11,8 Tage
Der Bestellzeitpunkt fällt also in knapp zwölf Arbeitstage. Maßgeblich sind Arbeitstage, wenn auch nur an Arbeitstagen verbraucht wird, sonst verschiebt sich das Ergebnis um Wochenenden und Feiertage.
Zum Wort optimal. Einen optimalen Bestellzeitpunkt für sich allein gibt es nicht. Der Zeitpunkt folgt aus dem Bestellpunkt, und ob der richtig liegt, entscheidet sich am Sicherheitsbestand und an der Wiederbeschaffungszeit. Das Optimum steckt in der Kombination aus Zeitpunkt und Menge, und die Menge kommt aus einer eigenen Rechnung, siehe Optimale Bestellmenge berechnen. Wer nur am Zeitpunkt dreht, verschiebt Kosten, statt sie zu senken.
Beim Bestellrhythmusverfahren ist es genau umgekehrt: Dort steht der Zeitpunkt fest und die Menge schwankt. Welches der beiden Verfahren passt, hängt davon ab, ob Ihr System den Bestand laufend überwacht.
Der Sicherheitsbestand ergibt sich aus der Schwankung Ihres Bedarfs, der Länge der Wiederbeschaffungszeit und dem Servicegrad, den Sie erreichen wollen. Er ist keine Erfahrungsgröße, sondern eine Rechengröße.
Sicherheitsbestand = Sicherheitsfaktor × Standardabweichung des Tagesbedarfs × √Wiederbeschaffungszeit
Der Sicherheitsfaktor kommt aus der Normalverteilung und hängt allein am gewünschten Servicegrad, bei 95 Prozent beträgt er 1,65.
Standardabweichung des Tagesbedarfs 15 Stück, Wiederbeschaffungszeit 10 Tage, angestrebter Servicegrad 95 Prozent, Faktor also 1,65.
Sicherheitsbestand = 1,65 × 15 × √10 ≈ 78 Stück
Das sind die 78 Stück, die weiter oben in den Bestellpunkt von 478 Stück eingegangen sind.
Woher der Sicherheitsfaktor kommt, was die letzten Prozentpunkte Servicegrad kosten, warum die Wurzel in der Formel steht und was passiert, wenn auch die Wiederbeschaffungszeit schwankt, steht ausführlich auf der Seite Sicherheitsbestand berechnen: Formel, Servicegrad und Fehlerquellen.
Bei (s,Q) wird immer dieselbe Menge Q bestellt. Bei (s,S) wird bis zu einem Zielbestand S aufgefüllt, die Bestellmenge schwankt also. Der Bestellpunkt s ist in beiden Fällen derselbe.
Erreicht der Bestand den Bestellpunkt, geht immer dieselbe Menge raus. Das passt zu Artikeln mit festen Gebindegrößen, Mindestbestellmengen oder Palettenmengen, und es macht die Disposition berechenbar. Die Bestellmenge selbst leitet sich aus dem Verhältnis von Bestellkosten und Lagerhaltungskosten ab, siehe Optimale Bestellmenge berechnen.
Erreicht der Bestand den Bestellpunkt, wird so viel bestellt, dass der Zielbestand S erreicht wird. Das gleicht große Einzelentnahmen aus, die den Bestand auf einen Schlag weit unter den Bestellpunkt drücken. Die Bestellmenge ist dann jedes Mal anders.
Eine größere Entnahme drückt den Bestand von 510 auf 470 Stück, der Bestellpunkt von 478 ist damit unterschritten.
(s,Q): Bestellmenge 400 Stück, Bestand danach 870
(s,S) mit S = 900: Bestellmenge 900 − 470 = 430 Stück, Bestand danach 900
Der Unterschied wirkt klein, summiert sich über ein Jahr und viele Artikel aber zu einem spürbaren Kapitalunterschied. (s,S) führt zu einem gleichmäßigeren Bestandsniveau, (s,Q) zu einer gleichmäßigeren Bestellabwicklung.
Das Bestellpunktverfahren setzt voraus, dass der Bestand laufend bekannt ist. Ist er das nicht, weil Entnahmen nicht sofort gebucht werden, führt das Bestellrhythmusverfahren mit festen Prüfterminen zu verlässlicheren Ergebnissen.
Wie dieses Gegenstück im Einzelnen funktioniert und was der feste Takt an Sicherheitsbestand kostet, steht auf der Seite Bestellrhythmusverfahren: (t,S) und (t,q) erklärt.
Der Vorteil des Bestellpunktverfahrens ist der geringere Sicherheitsbestand. Es muss nur die Wiederbeschaffungszeit abgesichert werden, nicht zusätzlich die Zeit bis zur nächsten Prüfung. Der Preis dafür ist die laufende Überwachung, entweder durch ein System, das jede Entnahme bucht, oder durch ein physisches Verfahren, das den Bestellpunkt sichtbar macht.
In der Praxis führen viele Betriebe beide Verfahren nebeneinander, nach Artikelgruppen getrennt. Für gleichmäßig laufende Teile mit sauberer Buchung der Bestellpunkt, für den Rest feste Termine. Welche Aufteilung sinnvoll ist, zeigt die Auswertung der Bewegungsdaten, nicht das Bauchgefühl.
Drei Dinge: ein Bestand, der laufend bekannt ist, eine belastbare Historie der Warenbewegungen und eine realistische Wiederbeschaffungszeit. Fehlt eines davon, rechnet die Formel zwar, aber das Ergebnis trägt nicht.
Am häufigsten hakt es bei der Bestandsgenauigkeit. Weicht der Buchbestand vom tatsächlichen Bestand ab, löst das System entweder zu früh oder zu spät aus. Deshalb quantifiziere ich die Bestandsgenauigkeit vor jeder Berechnung anhand der Inventurdifferenz-Buchungen, statt sie pauschal einzuschätzen. Wie das im Rahmen einer Bestandsanalyse abläuft, steht auf der Leistungsseite. Woher diese Arbeitsweise kommt, steht unter Davide Elias Pedroso Bussu, Berater für Bestandsmanagement.
Ohne Warenwirtschaft geht es trotzdem, und zwar mit dem Zwei-Behälter-Prinzip. Ein Artikel liegt in zwei Behältern, entnommen wird aus dem ersten. Ist er leer, geht die Karte an den Einkauf, und die Entnahme läuft aus dem zweiten weiter. Der Inhalt des zweiten Behälters ist damit nichts anderes als der Bestellpunkt, nur physisch statt digital. Der Sicherheitsbestand steckt in seiner Füllmenge.
Der durchschnittliche Bestand eines Artikels besteht aus dem Sicherheitsbestand plus der halben Bestellmenge. Beide Größen sind Stellschrauben, und beide kosten Kapital.
Durchschnittlicher Bestand = Sicherheitsbestand + Bestellmenge / 2
78 + 400 / 2 = 278 Stück im Durchschnitt
Bei einem Einstandspreis von 2 Euro sind das 556 Euro gebundenes Kapital für einen einzigen Artikel. Bei einem Sortiment mit einigen tausend solcher Positionen wird daraus eine Summe, die in der Bilanz sichtbar ist.
Genau hier schließt sich der Kreis zur Bilanz. Der Bestellpunkt entscheidet über den Sicherheitsbestand, die Bestellmenge über die zweite Hälfte, und beides zusammen bestimmt, wie viel Working Capital in diesem Artikel steckt. Welche Wirkung das über ein ganzes Sortiment entfaltet, steht auf der Seite Potenzial im Bestand: Working Capital im Lager heben. Die Einordnung in das Gesamtbild finden Sie unter Bestandsmanagement: gebundenes Kapital im Lager senken.
Das kleine s steht für den Bestellpunkt, also die Schwelle, bei der bestellt wird. Das große Q steht für die Bestellmenge, die dann ausgelöst wird. Bei der Variante (s,S) steht das große S für den Zielbestand, bis zu dem aufgefüllt wird.
Immer dann, wenn einzelne Entnahmen so groß sind, dass der Bestand deutlich unter den Bestellpunkt fällt. Eine feste Bestellmenge gleicht das nicht aus, das Auffüllen bis zum Zielbestand schon. Bei festen Gebinde- oder Mindestbestellmengen bleibt dagegen (s,Q) praktikabler.
Ja, über das Zwei-Behälter-Prinzip. Der zweite Behälter übernimmt die Rolle des Bestellpunkts: Ist der erste leer, wird bestellt, und die Entnahme läuft aus dem zweiten weiter. Der Sicherheitsbestand steckt in dessen Füllmenge. Das ist dieselbe Logik, nur physisch statt digital.
Der Bestellpunkt selbst wird nicht laufend geprüft, sondern der Bestand. Die Parameter dagegen gehören regelmäßig auf den Prüfstand, mindestens einmal jährlich und immer dann, wenn sich Bedarf, Lieferzeit oder Servicegrad ändern. Sonst rechnet das System mit Werten von gestern.
Dann reicht die einfache Formel nicht, weil sie eine stabile Lieferzeit unterstellt. In dem Fall geht die Streuung der Wiederbeschaffungszeit zusätzlich in die Berechnung des Sicherheitsbestands ein. Praktisch heißt das: Je unzuverlässiger der Liefertermin, desto größer die nötige Reserve.
Der Bestellpunkt ist eine Menge, gemessen in Stück, Metern oder Kilogramm. Der Bestellzeitpunkt ist ein Datum. Erreicht der Bestand den Bestellpunkt, ist der Bestellzeitpunkt gekommen. Beide beschreiben denselben Auslöser, nur in unterschiedlichen Einheiten, und im System hinterlegt wird immer die Menge.
Sie berechnen ihn nicht direkt, sondern leiten ihn aus dem Bestellpunkt ab: aktueller Bestand minus Bestellpunkt, geteilt durch den Tagesbedarf, ergibt die Tage bis zur Bestellung. Optimal ist dieser Zeitpunkt genau dann, wenn der Bestellpunkt selbst richtig gerechnet ist, also mit einem hergeleiteten Sicherheitsbestand und einer vollständigen Wiederbeschaffungszeit.
Stand: August 2026
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